Teamkohäsion und moralische Stabilität in Gefechtssituationen

von Anna Friedrich


Einleitung

Das Führen von Kriegen beruht darauf, dass sich Menschen zu militärischen Verbänden zusammenschließen (oder zusammenschließen lassen) und bereit sind, sich dem bewaffneten Konflikt mit einem Gegner zu stellen – selbst unter Inkaufnahme des eigenen Todes.

Doch worauf gründet diese Bereitschaft, ein derartiges Risiko einzugehen? Und wie entsteht Zusammenhalt in der Armee, sowie zwischen und innerhalb der Truppen?


Moral ≠ Moral

Der Begriff “Moral” kann zweierlei Bedeutung haben, die es zunächst abzugrenzen gilt. Moral kann einerseits im Sinne der Einsatzmotivation (oder Arbeitsmoral, Kampfmoral etc.) verstanden werden. Der Begriff beschreibt also, zu welchem Ausmaß Einsatzkräfte bereit sind, Befehle auszuführen und gefährliche oder auch monotone Aufträge durchzuführen (Cibulka, 2010). 

Weiterhin kann sich “Moral” auch auf das ethische Verhalten beziehen. Im militärischen Kontext geht es hier um die Orientierung an Werten und Gewissen vor, während und nach Einsätzen. Die Ausbildung und Vergegenwärtigung einer persönlichen moralischen Urteilskompetenz ist bedeutend für Einsatzkräfte. Zur moralischen Ausbildung innerhalb des Militärs gehört auch die Kenntnis von Rechtsregeln (z.B. sind Straftaten nicht durch Befehle geschützt, Befehle die gegen die Menschenwürde verstoßen oder unzumutbar sollten nicht durchgeführt werden) (Gillner, 2019). In diesem Blogeintrag wird es hauptsächlich um die Moral im Sinne der Einsatzmotivation gehen.


Wichtigkeit von Teamkohäsion und Moral

Eine wichtige Frage, die sich im militärischen Kontext stellt, ist, wie groß die Bedeutung von Gruppenkohäsion und Einsatzmotivation für den militärischen Prozess ist. Die meisten Menschen, die sich theoretisch und/oder praktisch mit dem militärischen Geschehen befassen, sind der Auffassung, dass die soldatische Motivation einen großen Einfluss auf den Einsatzerfolg hat (Leonhard et al., 2023). Weiterhin sind auch die Gründe und Motive für die Einsatzmotivation interessant, denn sie geben Auskunft über soldatische Identitäten. Mögliche Motive für den militärischen Einsatz könnten z.B. finanzielle Anreize, politische Überzeugungen oder wahrgenommene soziale Verpflichtungen sein. Einsatzmoral und Gruppenkohäsion sollten zudem auch im historischen Kontext analysiert werden, da jeweils aktuelle politische und gesellschaftlichen Bedingungen Einfluss nehmen (Leonhard et al. 2023). 

Gruppenkohäsion im speziellen nimmt nicht nur Einfluss auf den Einsatzerfolg und die Struktur als ganze, sondern hat auch persönliche und individuelle Auswirkung auf die Soldat*innen. Die Unterstützung durch soziale Gruppen ist ein wichtiger Schutzfaktor psychischer Traumastörungen. Zu diesen Gruppen zählen im militärischen Kontext eigene Kamerad*innen, Führungskräfte sowie die Gesellschaft (Anderson et al. 2019). 

Doch gewisse Gruppendynamiken können auch negative Konsequenzen für Individuen nach sich ziehen. Beispielsweise, Mobbing, Ausgrenzung und Diskrimierung können besonders negative Folgen haben. Ein weiteres großes Thema in großen geschlossenen Gruppen wie im Militär ist Hazing. Hierbei geht es häufig um Initiationsriten, bei denen Neuankömmlinge in Gruppen schikaniert und gedemütigt werden. Die Idee dahinter ist, dass neues Personal eingeführt wird, die gemeinsamen, teils traumatischen Erfahrungen für Zusammenhalt in der Gruppe sorgen und Hierarchien klargestellt werden. Diese Praktiken können teils schwere Folgen für die physische und mentale Gesundheit nach sich ziehen (Kröger et al., 2023). 


Theorien:

Die Wechselwirkungen von Teamkohäsion und Moral wurden in den letzten Jahrhunderten viel beforscht und es haben sich mehrere Theorien zu ihren Einflüssen und Auswirkungen herausgestellt. Die erste Theorie, die ich hier vorstellen will, ist die sogenannte Primärgruppen-Theorie. Dieser Ansatz entstand in den 1940er Jahren und war lange Zeit die dominante Theorie für Zusammenhalt im Militär sowie ein Vorhersage-Faktor für militärischen Erfolg. Innerhalb dieser Theorie wird auch häufig von Social Cohesion gesprochen. Dies bedeutet, dass kameradschaftlicher Zusammenhalt als zentral für den Einsatzerfolg gilt. Beispielsweise war die am häufigsten genannte Einsatzmotivation von US-Soldaten im Irak Krieg:  “Fighting for my buddies” (Leonhard et al., 2023). Als Voraussetzung für Entstehung von Zusammenhalt ist laut dieser Theorie soziale und kulturelle Homogenität unter den Streitkräften, sowie gemeinsame, verbindende Erlebnisse (zB gefährliche Gefechtssituationen). Mit kultureller Homogenität sind in diesem Fall Ähnlichkeiten im sozioökonomischen Hintergrund (Alter, Bildung, Beruf…) gemeint  (Leonhard et al., 2023). 

Im Gegensatz dazu steht die Theorie der task cohesion bzw. die Sinnesbedürftigkeit. Laut dieser Theorie zählt für die Entstehung von Teamkohäsion und Einsatzmoral vor allem eine gemeinsame latente Ideologie oder die Ausrichtung der Gruppe auf ein gemeinsames Ziel. Eine Latente Ideologie meint hierbei, dass die Soldat*innen das das Gefühl haben, einer guten Sache zu dienen bzw. sie finden das Sozialsystem, dem sie angehören, grundsätzlich gerecht und gut. Der Begriff task cohesion steht im Gegensatz zur Theorie der social cohesion. Task cohesion bedeutet, dass militärischer Zusammenhalt vor allem aus einer zum Teil überlebenswichtigen Notwendigkeit entsteht. Man geht in dieser Theorie davon aus, dass der Zusammenschluss innerhalb der Gruppe daher hauptsächlich ein Ergebnis besonderer Belastungen ist. Sie sind von der Notwendigkeit geprägt, Individuen auszutauschen und trotzdem soll ein gewisser Zusammenhalt in der Armee und einzelnen Truppen gegeben sein. Daher sind militärische Organisationen in der Ausbildung auf Standardisierung und Entindividualisierung ausgelegt. Aus dieser Sicht ist task cohesion als Voraussetzung für Einsatzmotivation und Kampfmoral für die militärische Organisation wünschenswerter als social cohesion  (Leonhard et al., 2023). 

In den letzten Jahrzehnten der Militärforschung haben sich noch einige andere Motivationsgrößen heraus herausgestellt, die einen Einfluss auf Einsatzmoral und Gruppenkohäsion haben können. Ein Thema, das in diesem Rahmen häufig berichtet wird, ist der Einfluss der Familie. Eine gute Balance zwischen dem soldatischen Leben und dem Familienleben kann sehr motivierend wirken. In eingingen Studien wurde ein Zusammenhang zwischen Stimmung in den Einheiten und Vertrauen der Soldat*innen in die Unterstützungsleistung für Ihre Familie festgestellt. Weitere wichtige Motivationsgrößen sind Ausbildung, Drill und Führungsqualität. Diese gelten als wesentlich für das soldatische Agieren und die Motivation  (Leonhard et al. 2023).


Quellen

Anderson, Lauren, et al. “Prospective associations of perceived unit cohesion with postdeployment mental health outcomes.” Depression and Anxiety, vol. 36, no. 6, 29 Jan. 2019, pp. 511–521, https://doi.org/10.1002/da.22884. 

Bartone, Paul T., Vaitkus, Mark A. und Adler, Amy B. “Dimensions of Psychological

Stress in Peacekeeping Operations.” Military Medicine, 1998.

Cibulka, Erich. “Moral Und Effektivität Der Einheit.” Psychologie Des Einsatzes - Die NATO-Arbeitsgruppe, Bundesministerium Landesverteidigung, 2010, www.bmlv.gv.at/truppendienst/ausgaben/artikel.php?id=1089.

Gillner, Matthias. “Ethische Bildung in Der Bundeswehr: Selbstbindung an Werte Und Moralische Urteilskraft.” Ethik Und Militär, 2019, www.ethikundmilitaer.de/ausgabe/2019-02/article/ethische-bildung-in-der-bundeswehr-selbstbindung-an-werte-und-moralische-urteilskraft.

Kröger, Charlotte, et al. “Hazing in the military: A scoping review.” Journal of Military, Veteran and Family Health, vol. 9, no. 4, 1 Sept. 2023, pp. 2–18, https://doi.org/10.3138/jmvfh-2023-0016. 

Leonhard, Nina, und Werkner, Ines-Jacqueline. Militärsoziologie - Eine Einführung. VS Verlag Für Sozialwissenschaften Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, 2023.

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