3. Resilienztrainings in Streitkräften: Evidenz, Wirksamkeit und psychologische Mechanismen

Evaluation von Trainingsprogrammen wie „Comprehensive Soldier Fitness“ oder „Operational Mental Readiness“ aus arbeits- und gesundheitspsychologischer Sicht.

Traumatische Ereignisse gehören bei Streitkräften oftmals zum Alltag. Umso wichtiger ist ein ausreichendes Maß an nicht nur körperlicher, sondern auch mentaler Widerstandsfähigkeit. Diese sogenannte Resilienz wird besonders im Hinblick auf die moderne Kriegsführung mit Drohnentechnologie, hochmobilen Einheiten, intensiven Feuergefechten und „no-contact-wars“ immer wichtiger, um zu gewährleisten, dass die Soldat*innen unter extremen Stress handlungsfähig bleiben und effektive Kampfeinsätze durchführen können (Lokyan, 2025). Militärische Führungen weltweit setzen deshalb vermehrt auf Resilienztrainings um die Einsatzbereitschaft und Handlungsfähigkeit der Soldat*innen zu fördern (Panda, 2024). Im Folgenden soll das Comprehensive Soldier Fitness Programm als Beispiel für solche Resilienztrainings vorgestellt werden und anschließend grundsätzlich auf Wirksamkeit, Problematiken und zukünftige Entwicklungen von Trainings zur Stärkung von Resilienz bei Streitkräften eingegangen werden.

Das gut evaluierte Comprehensive Soldier Fitness (CSF) Programm ist ein Ansatz zur Steigerung psychologischer Stärke und Leistung. Entwickelt 2009 von Seligman und Kollegen mit dem Hintergrund die Resilienz, sowie v.a. auch das Potenzial und die Bereitschaft von Streitkräften zu stärken. Zentral ist der Fokus auf Prävention, um folglich mit Stress assoziierten Problemen einen verbesserten Umgang erreichen zu können (Lester et al., 2011). Neben Gruppentraining sind individuelle Aspekte, welche u.a. im Rahmen virtueller Trainingseinheiten gefördert werden, relevant. Im Fokus steht dabei die Förderung gewisser Fähigkeiten, die zur Stärkung (persönlicher) Resilienz beitragen. Relevante Zielgruppen sind neben den eigentlichen Streitkräften auch deren Familien(mitglieder) und „Army Civilans“ (US Army Reserve, n.d.). Inhaltlich baut das Programm vorwiegend auf der positiven Psychologie, sowie kognitiven Verhaltenstherapie auf. Die Stärkung bestimmter psychologischer Mechanismen ist dahingehend unerlässlich. Der primäre Fokus liegt hierbei auf der Förderung angemessener Emotionsregulation, kognitiver Fertigkeiten, sowie sozialer Ressourcen. Auch eine gesteigerte Selbstwirksamkeit wird angestrebt. Das CSF umfasst vier wesentliche Bereiche:

1) Einschätzung emotionaler, sozialer, familiärer und spiritueller Fitness

2) Dahingehend individuelle Lernmodule

3) Resilienztraining im Gruppen- & Einzelsetting

 4) Ausbildung von Resilienztrainern (Cornum et al., 2011).

Entsprechend liegt ausgehend dem ersten genannten Bereich der primäre Fokus auf verschiedenen Fitness-Aspekten. Emotionale Fitness beinhaltet positives Denken, Stressbewältigung, als auch Emotionsregulation. Soziale Fitness hingehen stellt den Aufbau sozialer Unterstützung in der Einheit in den Mittelpunkt. Die Einbindung von Familienangehörigen mit dem Sinn der Stärkung sozialer Netzwerke ist angesichts der familiären Fitness relevant. Bei der der spirituellen Fitness sind moralische Belastbarkeit und Werte, als auch Sinnorientierung bedeutend. Anzumerken ist, dass die Bereiche der Fitness zunehmend auch um Aspekte der körperlichen Fitness erweitert wird. (Lester et al., 2011) CSF ist folglich hingegen traditionellen Ansätzen eher proaktiv und versucht bereits vorab traumatischer Erlebnisse und Erfahrungen psychologische Stärke bzw. Widerstandsfähigkeit aufzubauen um mit potenziellen Gefahren angemessen, als auch möglichst optimal umgehen zu können. Ein relevanter Bestandteil des Programms ist u.a. eine jährliche Online-Selbsteinschätzung bzgl. v.a. psychischen & sozialen Fitness. Das Global Assessment Tool, kurz: GAT, dient entsprechend als eine Art Feedbackinstrument (Lester et al., 2011). Darüber hinaus ist eine intensive Schulung bestimmter Soldaten wichtig, umfassend etwa 80 Stunden. Dieser Ansatz nennt sich Master Resilience Training (MRT). Dabei wird ein „Train the Trainer“-Ansatz (Im Sinne des oben genannten Punkt 4) verfolgt, bei dem neben Selbstregulation, Optimismus auch Selbsterkenntnisse im Mittelpunkt stehen. Ziel ist es als Trainer die eigenen Stärken & Schwächen, als auch die anderen zu erkennen und zu verstehen. Entsprechende Fähigkeiten und Fertigkeiten werden im Rahmen von vier Modulen nahegelegt, als auch angeeignet. Die Coprehensive Resilience Modules (CRMs) stellen den letzten Bestandteil des CSF-Programms dar. Es handelt sich um ein PC basiertes Lernprogramm zur (spielerischen) Vermittlung entscheidender Werte und Fertigkeiten (CSF for STAND-TO!, 2010). Angesichts der Wirksamkeit des Programms liegen positive Ergebnisse ausgehend der Daten aus den Selbstberichten (GAT) vor, v.a. hinsichtlich Soldaten unter 24 Jahren. Dennoch sollten entsprechende Erkenntnisse aufgrund der Art der Quelle (Selbstbericht) ausgehend möglicher sozialer Erwünschtheit kritisch hinterfragt werden. Nebst dem Alter sind anderweitige (demografische) Aspekte als wenig moderierend anzunehmen. Im Allgemeinen scheinen, ausgehend verschiedener Studien, jegliche Effekte eher von kurzer Dauer und wenig signifikant zu sein. Nichtsdestotrotz gibt es Hinweise, dass Teilnehmer des MRT-Trainings geringere Depressions- und PTBS Symptomatiken aufweisen. Der präventive Charakter scheint grundsätzlich vorteilhaft, gerade mit Fokus auf die (meta)kognitiven und emotionalen Fähigkeiten (Lester et al., 2011; Eidelson et al., 2011).

Wie am Beispiel des Comprehensive Soldier Fitness Programms ersichtlich wird, kann die Wirksamkeit von Programmen zur Resilienzförderung in Studien oft nicht oder nur durch kleine Effekte nachgewiesen werden, trotz der Vielzahl an Ansätzen und Investitionen in die Trainings.

Mögliche Ursachen für die durchwachsene Bilanz sind zum einen die fehlende einheitliche Definition und wissenschaftliche, theoretische Grundlagen von Resilienz (McInerney, 2021). Ohne empirisch gestützte fundierte Basis und klares Wirkmodell sind Evaluation und Weiterentwicklung von Resilienzprogrammen erschwert, da Unklarheit über resilienzfördernde Prozesse besteht und unterschiedliche theoretische Ansätze und Messmethoden zu widersprüchlichen Ergebnissen führen (Evans, 2024). Zudem wurden viele Resilienzprogramme ohne Kontrollgruppe implementiert, wodurch eine valide Wirksamkeitsprüfung kaum möglich ist (Evans, 2024). Teilnehmende solcher Programme kritisieren außerdem den mangelnden Bezug zur Einsatzrealität und die dadurch scheinbar geringe praktische Relevanz (Thompson, 2006; Nazarov, 2025). Passive Lernformate wie Vorträge verhindern zudem den praktischen Kompetenzerwerb (Nazarov, 2025) und den Transfer vom Lernraum in den Einsatz. Eine große Rolle spielt außerdem die militärische Kultur und wie die vermittelten Inhalte zur Resilienz in dieser gelebt und durch Führungskräfte vorgelebt wird (Fikretoglu, 2018). Persistierende Stigma, die psychische Probleme als Zeichen von Schwäche interpretieren, behindern weiterhin die Inanspruchnahme psychologischer Hilfe und den Erfolg von Resilienzprogrammen (Castro 2006, Nazarov 2025).

Diesen Schwächen der Programme kann in Zukunft durch unterschiedliche Maßnahmen entgegengetreten werden. So können militärische Resilienzprogramme auf evidenzbasierten Konzepten wie der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) aufgebaut werden, da sich deren Ansätze gut für die Anwendung in militärischen Szenarien eignet (Evans, 2024). Zentrale Prozesse der ACT umfassen unter anderem kognitive Defusion, Achtsamkeit sowie Akzeptanz bzw. Bereitschaft, belastende innere Erfahrungen zuzulassen, anstatt sie kontrollieren oder unterdrücken zu wollen und einen flexibleren Umgang mit Stress und innerer Belastung. Werte dienen dabei als übergeordnete Orientierungsgrößen für sinnvolles Handeln, während engagiertes Handeln die beharrliche Verfolgung wertorientierter Ziele beschreibt, auch wenn hierfür kontextabhängige Anpassungen der Handlungen notwendig sind. Diese Prozesse fördern die psychologische Flexibilität, also die Fähigkeit, trotz Belastungen handlungsfähig zu bleiben und wertorientierte Ziele zu verfolgen und stärken damit die Resilienz.

Des Weiteren helfen bei der wissenschaftlichen Evaluation der Programme klare Definitionen von Resilienz und konkrete Wirkmechanismen. Bei den Untersuchungen sollte außerdem eine Kontrollgruppe eingeführt werden, die das Training beispielsweise zu einem späteren Zeitpunkt erhält, um den Erfolg besser messen zu können (Evans, 2024). „Mental Readiness“ sollte als Kernkompetenz anerkannt und etabliert werden (Thompson, 2006). Um die Stressbewältigung in möglichst realistischen Kontexten zu üben, ist eine Kombination aus psychologischen und militärischen Übungen sinnvoll (Thompson 2006, Guest et al. 2019). Der Transfer kann zum Beispiel auch mit dem Einsatz von Virtual Reality (VR) erleichtert werden (Lokyan, 2025).

Insgesamt zeigt sich, dass militärische Resilienzprogramme trotz hoher praktischer Relevanz bislang nur begrenzt überzeugende empirische Effekte aufweisen. Zukünftig erscheint es zentral, mentale Einsatzbereitschaft nicht als Zusatz, sondern als grundlegende Kompetenz militärischer Ausbildung zu begreifen und Resilienztrainings stärker evidenzbasiert und kontextspezifisch auszurichten.

Quellen:

Castro, C. A., Hoge, C. W., & Cox, A. L. (2006). Battlemind training: Building soldier resiliency. Human dimensions in military operations–military leaders’ strategies for addressing stress and psychological support42, 1-6.

Cornum, R., Matthews, M. D., & Seligman, M. E. P. (2011). Comprehensive Soldier Fitness: Building resilience in a challenging institutional context. American Psychologist. 66(1). S. 4-9.

CSF for STAND-TO! (2010). Comprehensive Resilience Modules. The United States Army. Aufgerufen am: 08.11.2025. Verfügbar unter: https://www.army.mil/article/42154/ comprehensive_resilience_modules.

Eidelson, R., Pilisuk, M., Soldz, S. (2011). The Dark Side of Comprehensive Soldier Fitness. American Psychologist. 66(7). S. 643-644.

Evans, W. R., Meyer, E. C., Moore, B. A., & Peterson, A. L. (2024). Psychological flexibility training to enhance resilience in military personnel. Journal of Military Social Work and Behavioral Health Services12(3), 252-264.

Fikretoglu, D., Liu, A., Nazarov, A., & Blackler, K. (2019). A group randomized control trial to test the efficacy of the Road to Mental Readiness (R2MR) program among Canadian military recruits. BMC psychiatry19(1), 326.

Guest, K., Bailey, S., Khan, S., & Thompson, S. (2019). Performance and resilience coaching for military leadership. In STO Meeting Proceedings.

Lester, P. B., Harms, P. D., Herian, M. N., Krasikova, D. V., Beal, S. J. (2011). Bringing science to bear: an empirical assessment of the Comprehensive Soldier Fitness program. American Psychologist. 66(1). 77–81. https://doi.org/10.1037/a0022083

Lokyan, A., Baghdasaryan, S., & Hovhannisyan, H. (2025). Enhancing psychological training in military personnel: Modern approaches, systemic assessments and hands-on recommendations. Asian Journal of Psychiatry106, 104442.

McInerney, S. A., Waldrep, E., & Benight, C. C. (2024). Resilience enhancing programs in the US military: An exploration of theory and applied practice. Military psychology36(3), 241-252.

Nazarov, A., Brandwood, A., Forchuk, C., Fraser, B., Merchant, W., Pavlovic, N., ... & Richardson, J. D. (2024). Improving Mental Health and Resilience Training: Feedback from Military Personnel. Journal of Military Social Work and Behavioral Health Services12(4), 297-311.

Panda, S. P., Chatterjee, K., Srivastava, K., Chauhan, V. S., & Yadav, P. (2024). Building psychological resilience in Armed Forces worldwide. Medical Journal Armed Forces India80(2), 130-139.

Seligman, M. E. P. (2016). Stärken Sie Ihre mentale Fitness. Manager Magazin. Harvard Business Manage. 4. S. 88-93.

Thompson, M. M., & McCreary, D. R. (2006). Enhancing mental readiness in military personnel.

U.S. Army Reserve (n.d.). Comprehensive Soldier Fitness – Building resilience and enhancing performance. Aufgerufen am: 08.11.2025. Verfügbar unter: https://www.usar.army.mil/CSF/

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