13. Mentale Vorbereitung und Simulationstraining: Psychologische Grundlagen von Einsatztrainings
Autoren: Emma Eue & Jan Hendrik Renfordt
„Es ist unendlich wichtig, dass der Soldat […] diejenigen Erscheinungen des Krieges, die ihn beim ersten Mal in Verwunderung und Verlegenheit setzen, nicht erst im Kriege zum ersten Mal sehe […].“ (Carl von Clausewitz, 1832, zitiert nach Hoitz et al., 2013, S. 302).
Viele Jahre sind vergangen, seit militärische Simulationen noch mit Karten, Modellen und Manöverkritik auskommen mussten. Heute versprechen Simulationsanlagen, Virtual Reality und Künstliche Intelligenz ein möglichst realitätsnahes Abbild moderner Kriegsgeschehen (Marino, 2025). Doch wie setzt die Bundeswehr diese Methoden in der Ausbildung ihrer Soldatinnen und Soldaten ein – und wo endet sinnvolle Vorbereitung und birgt eventuell sogar Risiken? Diesen Fragen geht dieser Blogbeitrag nach und wirft dabei einen psychologischen Blick auf die simulierte Welt der Algorithmen, Nullen und Einsen.
Simulationstraining bei der Bundeswehr
Rauch im Cockpit, Ausfälle der Triebwerke und ein Mangel an Sauerstoff – und das alles mitten im Air Warfare Center Köln. Hier versetzt die Luftwaffe Ihre Auszubildenen anhand von Extended Reality Programmen in simulierte Extremsituationen (siehe Abbildung 1). Die Steuerungselemente gleichen dabei der Haptik der echten Flugmaschinen und so kann das fliegen in einem weitaus billigeren, sichereren und kontrollierteren Umfeld erprobt werden (Enno Urbeinz, 2025). Ein besonderer Mehrwert liegt zudem in der Möglichkeit mehrere Simulatoren zu einem gemeinsamen virtuellen Luftraum zu vernetzen. Dadurch können die Piloten gemeinsam Manöver trainieren, die eine hohe kognitive Beanspruchung aufweisen und den Einsatz entsprechender Regulationsprozesse erfordern. Parallel zu den Simulationen laufen physiologische Messungen der Herz- und Hirnaktivität, um so ein genaues Profil des Anwärters unter Aussetzung dynamischer Stressoren zu gewinnen (Enno Urbeinz, 2025).
Abbildung 1: Simulationstraining der Luftwaffe im Air Warfare Center Köln
Quelle: Enno Urbeinz, 2025
Susanne Bruns, Leiterin des psychologischen Dienstes der Bundeswehr, formuliert treffend „Je näher die Einsatzvorbereitung der Realität kommt, desto mehr Handlungssicherheit gibt sie Soldatinnen und Soldaten später im Einsatz” (Gantenbein, 2022). So wird auch in der Ausbildung der Sanitätsoffiziere daraufgesetzt die medizinische Notfallversorgung unter simulierten Bedingungen zu trainieren. Anspruchsvolle Szenarien – etwa die Versorgung schwerer Abrissverletzungen an Dummies nach einem IED-Anschlag unter bestehendem Beschuss – dienen dazu, Sicherheit und Routine in zunächst ungewohnten Extremsituationen zu entwickeln. Die Simulationen enden dabei erst wenn die Lage so bewältigt ist, wie es auch im realen Einsatz erforderlich wäre (Helm et al., 2011).
Nicht zuletzt trainiert auch das Heer die Waffenhandhabung mithilfe technischer Simulationstools wie dem Ausbildungsgerät Duellsimulator (AGDUS). Dieses System ersetzt die scharfe Munition von Feuer- und Panzerwaffen mit Lasersignalen, die in Gefechtssimulationen von Sensoren an Soldaten und Zielobjekten erfasst werden. In der rund 6 km² großen Übungsstadt Schnöggersburg, die vom Gefechtsübungszentrum Heer als realitätsnahe urbane Einsatzumgebung konzipiert wurde, lösen registrierte Treffer zusätzlich akustisches und visuelles Feedback aus. Effekte wie Nebel, Explosionen und Knallgeräusche tragen dabei zu einer möglichst immersiven Simulation bei (Bundeswehr, 2025).
Psychologische Mechanismen des Simulationstrainings
Doch warum funktionieren Simulationstrainings oder wo stoßen sie vielleicht doch an ihre Grenzen? Was machen Simulationen mit unserem Gehirn? Erste Antwortversuche wurden bereits vor der Jahrtausendwende gesucht und so erläuterten Mehl und Schütte (1997), dass Simulationen den Vorteil der Standardisierbarkeit und Wiederholbarkeit bieten. Ganz nach dem Motto viel hilft viel, werden Situationen nach diesem Ansatz trainiert, um Handlungszuverlässigkeit zu erhöhen und so Leistungen unter genau jenen Voraussetzungen zu optimieren. Aber ist dieser Ansatz einer dynamisch und unberechenbaren Gefechtssituation überhaupt gerecht?
Ein Blick in andere Hochrisikobereiche liefert hierfür wichtige Hinweise. In der Chirurgie konnte beispielsweise gezeigt werden, dass simuliertes Training die Stressverarbeitung von Operateuren signifikant verbessert (Maschuw et al., 2010). Diese Befunde lassen hoffen, dass Simulationen nicht nur technisches Können vermitteln, sondern einen größeren Beitrag zur sogenannten psychologischen Einsatzfähigkeit leisten. Grundlegenden Erkenntnissen der Kognitionspsychologie klären uns weiter auf: Menschen verfügen nur über begrenzte kognitive Ressourcen (Reeady, 2015), die im Einsatz durch Zeitdruck, Stress und ungewohnte Ereignisse schnell ausgeschöpft werden. Eingeübte und automatisierte Handlungsabläufe gewinnen daher an Bedeutung, da sie weniger bewusste Aufmerksamkeit erfordern und kognitive Kapazitäten für unerwartete Ereignisse freihalten. Simulationstraining ermöglicht es, solche Routinen unter realitätsnahen Bedingungen aufzubauen und zu festigen, sodass sie im Einsatz auch unter hoher Belastung zuverlässig abrufbar bleiben.
Ein zusätzlicher Vorteil von Simulationen liegt in der Möglichkeit, Szenarien mit abgestufter Komplexität zu trainieren (Günthner et al., 2006). Komplexe Handlungssituationen können schrittweise aufgebaut und an den jeweiligen Ausbildungsstand angepasst werden. Dadurch lässt sich kognitive Überforderung vermeiden und ein Lernprozess ermöglichen, der auf nachhaltigen Kompetenzaufbau ausgerichtet ist.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist der Transfer des Gelernten in die reale Einsatzsituation. Untersuchungen zeigen, dass Transferleistungen umso wahrscheinlicher und effizienter sind, je größer die strukturelle Ähnlichkeit zwischen Übungs- und Anforderungssituation ist (Sala & Gobet, 2019). Diese Erkenntnis ist keineswegs neu. Bereits Thorndike und Woodworth formulierten 1901 mit ihrer Theorie des identischen Elements, dass Lernen vor allem dann transferiert, wenn Trainings- und Anwendungssituation gemeinsame Elemente besitzen. Simulationen sind deshalb besonders wirksam, weil sie genau diese gemeinsamen Strukturen abbilden können, ohne die Risiken realer Einsätze oder übermäßige Ressourcenverschwendung mit sich zu bringen. Einen Triebwerksausfall „in echt“ zu trainieren, ist aus naheliegenden Gründen keine Option. Trotzdem müssen Pilotinnen und Piloten genau auf solche Situationen vorbereitet werden: für die Simulation kein Problem!
Simulationstraining der Zukunft: Das Team im Fokus
Werfen wir einen Blick in die Zukunft, so stellt sich die Frage, ob Simulationen des Einzelnen in einer zunehmend automatisierten Einsatzwelt weiterhin zeitbeständig sind? Bereits heute werden einzelne Fertigkeiten wie der Umgang mit Schusswaffen, Navigation oder das Führen von Fahrzeugen zunehmend automatisiert oder durch technische Systeme unterstützt (Esther, 2016). So übernehmen beispielsweise Smart-Optiken die präzise Berechnung ballistischer Flugbahnen, während Autopilotensysteme zentrale Aufgaben im Cockpit ausführen.
Vor diesem Hintergrund vertreten wir die Auffassung, dass zukünftige Simulationen ihren größten Nutzen nicht primär in der Ausbildung einzelner Personen entfalten werden, sondern auf der Ebene von Teamprozessen. Daher empfiehlt sich zukünftig Simulationen in den Truppenkonstellationen durchführen zu lassen, in denen sie später auch in tatsächlichen Einsätzen zusammenarbeiten werden müssen. Diese Art von zwischenmenschlichem Zusammenwirken stellt dabei einen komplexen Prozess dar, der sich nur schwer vollständig maschinell ersetzen lassen wird und daher intensives Training berechtigt (Wäfler, 2020).
Diese Ansicht wird von Meyer et al. (2018) gestützt, die das Konzept der psychologischen Sicherheit als eine fundamentale Determinante für Teamerfolg und Flexibilität unterstreichen. Psychologische Sicherheit beschreibt dabei die geteilte Überzeugung aller Gruppenmitglieder, dass das Team einen sicheren Raum darstellt, in dem offener Austausch, das Ansprechen von Fehlern sowie das Einbringen eigener Perspektiven möglich sind. Insbesondere im militärischen Kontext gewinnt dieses Konzept besondere Relevanz: Hier kann Vertrauen in die Teammitglieder und eine gemeinsame Vision über Leben und Tod entscheiden. Ein solches Gefühl lässt sich durch gezieltes Simulationstraining exzellent fördern, indem Handlungsabläufe gemeinsam erprobt und Fehler systematisch reflektiert werden. Auf diese Weise werden sich die Beteiligten nicht nur ihrer internalen Prozesse bewusst, sondern auch der Abläufe, Rollen und Perspektiven der anderen Teammitglieder (Carn-Bennett, 2024).
Des Weiteren identifizieren Biehl et al. (2000) zentrale Faktoren der Einsatzmotivation von Soldaten und Soldatinnen als „Rollen- und Aufgabenidentifikation, Stolz auf den eigenen Tätigkeitsbeitrag und die Bereitschaft, sich im Sinne der Organisation zu verhalten” (S.2). Wie aus dieser Definition hervorgeht, spielen zwischenmenschliche Dynamiken in allen genannten Dimensionen eine maßgebliche Rolle. Um die Einsatzmotivation nachhaltig zu fördern, erscheint es daher unumgänglich, Simulationen verstärkt auf sozialer Ebene durchzuführen. Darüber hinaus ermöglichen solche Settings Effekte des sozialen Lernens, welche bereits in den Ursprungsjahren der psychologischen Forschung von Bandura (1971) als fundamental erkannt wurden.
Unser Ausblick auf Simulationen im Militär lautet daher wie folgt: „Die Zukunft des Simulationstrainings liegt in der koordinierten Zusammenarbeit von Soldaten und Technik; nicht in der isolierten Perfektion technischer Kompetenzen des Einzelnen.“
Zukunftsorientierte Team-Simulationen der Bundeswehr
Erste Ansätze zukünftiger Trends zeichnen sich bereits in Meppen ab: Auf der Suche nach neuartigen Trainingskonzepten hat die Wehrtechnischen Dienststelle 91 nämlich zusammen mit dem Unternehmen HOLOGATE ein Forschungsprojekt zur Entwicklung eines Multi-user Extended Reality Trainers durchgeführt (Kanig, 2024). In diesem konnten Soldatinnen und Soldaten mithilfe von VR-Brillen gemeinsam realitätsnahe Einsatzgebiete durchlaufen und taktische Szenarien im Team bewältigen (siehe Abbildung 2). Verstärkt wird die Immersion dabei durch physische Effekte wie Hitze, Wind und Gerüche, welche das Teamwork-Training zusätzlich erschweren und die Truppen auf realistische Einsatzgebiete vorbereiten soll (Boyer, 2022). Nun wartet der virtuelle Handlungstrainer noch darauf großflächig in der Grundausbildung des Herrs eingesetzt zu werden – die ersten Studienergebnisse geben aber erste hoffnungsvolle Ergebnisse und schließen sich unserer Vision von zukünftigen Simulationstrainings an (Kanig, 2024).
Abbildung 2: Virtuelles Gruppentraining der Dienststelle 91
Quelle: Kanig, 2024
Serious Games und Gamifizierung von Krieg?
Zuletzt muss noch ein weiteres zentrales Instrument der virtuellen Ausbildung bei der Bundeswehr Erwähnung finden: die Simulationssoftware Virtual Battle Space. Dabei handelt es sich um eine militärische spielerische Simulationssoftware die speziell für Ausbildungs- und Übungszwecke von Streitkräften entwickelt wurde (Siehe Abbildung 3.). Die zugrundeliegende Technologie ist auch auf dem zivilen Gaming-Markt zu finden und ist der breiten Öffentlichkeit durch die kommerziell erhältliche Version Armed Assault (ArmA) bekannt und zugänglich (Voigt, 2024). Diese Nähe zu digitalen Unterhaltungsspielen wirft jedoch zugleich Fragen nach der Grenzziehung zwischen Ausbildung, Simulation und spielerischer Darstellung von Krieg auf.
Abbildung 3: Soldaten trainieren mit dem Virtuell Battle Space
Quelle: Bundesministerium der Verteidigung, 2019.
Denn trotz der zahlreichen Potenziale, die im Simulationstraining bereits genutzt werden, bestehen auch erhebliche Risiken. So ist es keine Neuheit, dass Computerspiele, die Kriegsszenarien darstellen, häufig finanziell vom Militär gefördert werden. Klassische, für die breite Öffentlichkeit zugängliche Simulationen wie America’s Army und Soldier of Fortune sind vom US-Militär gesponsert und gezielt an dessen Ausrüstung und Doktrinen angepasst – nicht zuletzt als Mittel der Propaganda. Expertinnen und Experten weisen darauf hin, dass „solche Entwicklungen einen starken Einfluss auf die Einstellungen und Haltungen einer Gesellschaft gegenüber Krieg haben […]“ (Schulze Von Glaßer, 2010, S. 8).
Kritisch zu betrachten ist aus unserer Sicht vor allem der Einsatz solcher spielnahen Simulationen im Rahmen von öffentlichen Veranstaltungen, Messen oder Ausstellungen, bei denen sie gezielt genutzt werden, um Interesse an einer militärischen Laufbahn zu wecken (Voigt, 2024). Krieg und militärische Gewalt können so in einer spielerischen, technisch faszinierenden Form erscheinen, die reale Konsequenzen ausblendet und den Ernst bewaffneter Konflikte verharmlost. Dabei besteht die Gefahr, insbesondere Jugendliche, die bereits ein starkes Interesse an sogenannten “Ballerspielen” haben, aus falschen Gründen anzusprechen. Deshalb ist uns in diesem Zusammenhang besonders wichtig zu unterscheiden, ob Serious Games primär zu Ausbildungs- und Trainingszwecken eingesetzt werden oder ob sie gezielt zu Rekrutierungszwecken verwendet werden, da die beiden Anwendungsbereiche unterschiedliche ethische Implikationen mit sich bringen.
Darüber hinaus wirft die in digitalen Simulationen inhärente „try-again“-Logik grundlegende ethische Fragen auf. Fehler lassen sich folgenlos korrigieren und riskante Entscheidungen ohne irreversible Konsequenzen treffen, da man am Ende zur Not einfach auf den “try-again” Button drückt. Dies steht in einem deutlichen Kontrast zur Realität militärischer Einsätze, in denen Entscheidungen oftmals irreversible und weitreichende Folgen haben. Zudem kann der Konsum gewalttätiger Videospiele zu einer Desensibilisierung gegenüber realer Gewalt führen und so auch die Aggression in einem zweiten Schritt erhöhen (Brockmyer, 2022). In diesem verhältnismäßig neuen Feld ist daher dringen Forschung nötig, ob eine intensive Gewöhnung an solche Simulationslogiken das Bewusstsein für reale Konsequenzen senkt und damit Entscheidungsprozesse im Einsatz beeinflussen kann.
Literatur
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https://www.asecib.ase.ro/mps/Bandura_SocialLearningTheory.pdf
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Brockmyer, J. F. (2022). Desensitization and violent video games: mechanisms and evidence. Child and Adolescent Psychiatric Clinics, 31(1), 121-132.
Bundesministerium der Verteidigung. (2019, April 4). Umsetzungsstrategie Digitale Bundeswehr. https://www.bmvg.de/de/themen/ruestung/digitalisierung/umsetzungsstrategie-digitale-bundeswehr
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Carn-Bennett, E. (2024, July 16). So erhöhen Sie die psychologische Sicherheit in Simulationsteams im Gesundheitswesen. Healthy Simulation. https://www.healthysimulation.com/de/Erh%C3%B6hung-der-psychologischen-Sicherheit-in-medizinischen-Simulationsteams/
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Gantenbein, B. (2022, Februar, 8.). PTBS vorbeugen: psychische Vorbereitung auf den Einsatz. Bundeswehr. https://www.bundeswehr.de/de/meldungen/ptbs-vorbeugen-psychische-vorbereitung-einsatz-5345210
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Hoitz, J., Braun, M., & Schneidereit, L. (2013). Simulationsausbildung im Sanitätsdienst der Bundeswehr. Simulation in Der Medizin, 301–319. https://doi.org/10.1007/978-3-642-29436-5_26
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